Frederike_Wieking

Forschungsmanagement Sören Groß

Im Jahr 1943 wurde Friederike Wieking von Heinrich Himmler zur Regierungs- und Kriminalrätin ernannt und stand auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Im Stab der Reichsfrauenführung sowie als Leiterin der Jugendkonzentrationslager Uckermark/Moringen, Führungsspitze der Weiblichen Kriminalpolizei und Chefin im Referat V A III des Reichssicherheitshauptamtes zählte sie zu den wohl mächtigsten Frauen im Dritten Reich.

Zu Ihrer Persönlichkeit und Bedeutung ist heute jedoch wenig bekannt. Von den Kollegen bis nach ihrem Tode verehrt und von den Angehörigen Ihrer Opfer unbekannt, rutschte Friederike Wieking in der Nachkriegszeit durch das Aufklärungsmuster einer traumatisierten Gesellschaft. Der Jugendfriedhof in Moringen schweigt heute noch über die Verfolgung sittlich gefährdeter, asozialer und krimineller Jugendlicher. Dieses Berufsfeld machte sich Wieking mit den Leitmotiven „Disziplin und Gehorsam“ zur Lebensaufgabe.

Das Forschungsprojekt „Friederike Wieking“ soll die Schattenseiten der lang vergessenen Geschehnisse aufklären und neue, bisher ungestellte Fragen an die Geschichte der Verfolgung Jugendlicher im Dritten Reich entwickeln:
Was war Friederike Wieking für eine Frau?
Was passierte mit den Jugendlichen?
Warum ist Wieking bis heute unbearbeitet?

Allein diese Fragen umfassen unzählige Kontroversen und spannendes Material! Diese reichen von der Sozialisation ihrer Herkunft aus der Grafschaft Bad Bentheim, über die sich entwickelnde Wohlfahrtspflege, hin zur Polizeifürsorge und Errichtung der Weiblichen Kriminalpolizei als preussisches Reformprojekt unter der Führung Wiekings im Jahre 1928 mit noch weitestgehend sozialer Ausrichtung. Eine entscheidene Wende vollzog sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Im neuen Staat musste man sich neu orientieren und ausrichten. Wieking beteiligte sich aktiv am Ausbau der Macht des nationalsozialistischen Polizeiapparates. an Gesetzesentwürfen zur Bekämpfung von Jugendkriminalität und radikalisierte im Gehorsam der „von oben“ oktruierten Bestimmungen das Fahndungswesen und den Aufgabenbereich der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP). Als „Spürhunde“ der Nazis, innerhalb der Verfolgung und Aufspürung krimineller, assozialer, homosexueller und sittlich gefährdeter Jugendlicher, galten die Frauen der WKP als Spezialisten. Ebenso rassenbiologisch durch die besondere Veranlagung der Frau im Umgang mit Kindern, versuchte man die Vorteile der Kriminalistinnen zur Jugendverfolung zu legitimieren. Im Rahmen der Neuordnung des nationalsozialistischen Polizeiapparates durch Heinrich Himmler, bekam Wieking 1938 ein eigenes Referat V A III im Reichssicherheitshauptamt zur Bekämpfung der Jugendkriminalität zugesprochen. Neben der Organisation von Judentransporten, Einleitungen von Zwangssterilisationen, Überführungen in Pflegestationen im Rahmen der T4-Aktion zur Auslöschung lebensunwerten Lebens, gehörte auch die fachliche Leitung der Jugendkonzentrationslager Moringen und Uckermark zum Aufgabenbereich Friederike Wiekings. Körperliche Erkrankungen und Stress erschwerten Ihre Tätigkeiten bis zu Kriegsende 1945. Am 03. Juli 1945 wird Friederike als „Mitarbeiterin im Polizeipräsidium“ von russischen NKWD-Truppen verhaftet und 1952 aus dem Speziallager Buchenwald entlassen.

In Nachkriegsverbrecherprozessen wurde sie nicht berücksichtigt. Die Urteile Ihrer Kolleginnen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück lauteten: „Tod durch den Strang“. Entgegen den alliierten Interessen, waren in Wiekings Lagern ausschließlich deutsche Jugendliche inhaftiert. Der Lageraufbau sowie die Behandlungen und Schreckensgeschichten sind jedoch identisch aus Quellen nachvollziehbar.
Bis 1958 zog sich Wieking nach West-Berlin zu ihrer langjährigen Gehilfin und getarnten Lebenspartnerin Hildburg Zeitschel zurück.